Winzerbesuche - Bordeaux 2016

Natürlich ist das Phänomen in der Weinwelt bekannt, dass zum Einen der jüngste Jahrgang, also der, den es zu verkaufen gilt, immer «der beste» ist. Und dass die Medien den Ball immer gerne aufnehmen, wenn mit Vorschusslorbeeren Schlagzeilen gemacht werden können oder sogar die Stimmung zu einem Hype angeheizt werden kann. 

Kluge und erfahrene Winzer halten sich in dieser Hinsicht immer zurück: erstens halten sie eine gewisse Gelassenheit und Bescheidenheit als unerlässlich, zweitens wissen sie um die natürlichen Limiten von Prognosen. Schon manch ein grande année entwickelte sich zwar anständig, aber nicht zum erwarteten Hochgenuss und umgekehrt erwachte aus schwierigen Jahrgängen unverhofft magischer Zauber.

Château Latour


2015 hat an vielen Orten in Europa trockenes, teilweise auch sehr heisses Klima gebracht. Solche Jahre haben generell einen Vorteil: die Reife dürfte problemlos erreicht werden und vor allem treten kaum Krankheiten und Fäulnis auf. Wie etwa im Burgund kann die Trockenheit zu Ertragsverlusten führen, weil die Reben kleine Beeren produziert. In Bordeaux jedoch war der Herbst nach einem heissen, trockenen Frühsommer ausgeglichen und teilweise sogar regnerisch, sodass klassische Mengen von um die 40 bis 45hl/ha möglich waren. 

Das Kurzfazit, das nach den Besuchen während der Primeur-Kampagne Anfang April 2016 gezogen werden kann: Bordeaux hat gute Mengen einer zumeist sehr guten Qualität. Lokale klimatische Unterschiede lassen die Urteile aber als eher heterogen erscheinen, stilistisch wie qualitativ. Generell aber stehen wir vor einem typischen année 5, also der schönen Reihe exzellenter Jahrgänge mit einer 5 am Schluss. In der Tat können auch – wenigstens bei den besten – tatsächlich Vergleiche mit 2005 gezogen werden. Das Qualitätsmittel dürfte in der 5er-Skala bei 4 bis 4.5 liegen. Stilistisch ist das nördliche Médoc milder und klassischer, Margaux und Pessac bis ins Libournais steigern sich zu starken, eher mediterran-intensiven Weinen.

Château Lafite-Rothschild


Freude herrscht also betreffend Qualität und Quantität, wenn auch kein Grund zu einem reisserischen Ausrufen eines sogenannten «Jahrhundertjahrganges» besteht. Aber genau weil teilweise Euphorie angeheizt wird, sind Preiserhöhungen zu erwarten, on verra... 

Da der Bordeaux-Markt und die weltweit enorm turbulenten Nachfrage- und Währungsschwankungen zu grossen Unsicherheiten und Verwerfungen geführt hat, ist der in Bordeaux übliche Vorauskauf der Weine in Subskription zu einem Va-banque-Spiel geworden. Die früher zum Teil zurecht proklamierten Vorzüge, vor allem ein zu erwartender Wertzuwachs, waren noch nie zwingend und sind es heute sowieso nicht mehr. Wer sich seine bevorzugten Crus frühzeitig sichern will, tut dies mit Vorteil en primeur, alles weitere ist so sicher oder unsicher wie eine Aktienanlage.

Château Pichon-Baron (links) und Château Pichon-Comtesse-de Lalande


Aber Bordeaux ist und bleibt auch eine Leidenschaft und die superben Crus haben ihren unvergleichlichen Glanz und gehören zu den Leuchttürmen der Weinkultur. Wir werden auch dieses Jahr gezielt eine kleine Selektion der überzeugendsten Gewächse einkaufen und hier zu seriösen Bedingungen anbieten.