Winzerbesuche - Rhone 2013

Mitte September 2013: die Hitze ist immer noch generös für Nordfrischler wie wir, doch das Sengende des Hochsommers ist eindeutig gebrochen. Die Fahrt im Hinterland der ebenso reizvollen wie überreizten Côtes d’Azur bei St-Tropez & Co. zeigt ein Kontrastprogramm: unendliche mediterrane Wälder, ausser der Autobahn sozusagen unberührt. Die Ausfahrt führt uns ins Städtchen Lorgues, Bilderbuch-Provence-Atmosphäre mit dem kontrastreichen Lichtspiel auf den Gassen und Platanen-umsäumten Strassen mit Cafés, Pastisduft und einer Portion Lebensleichtigkeit, die man gerne aufsaugt.

Die Weiterfahrt führt immer mehr in die Wildnis, und endlich befinden wir uns in einer weiten Waldlichtung mit wunderschönen Rebbergen und einem klassischen, schlichten Château, wie man es sich manchmal erträumt: Château de Sarrins. Das Weingut gehört Bruno Paillard, einem echten Seigneur, der die art de vivre und ein energetisches und engagiertes Unternehmertum galant unter einen Hut zu bringen weiss. Paillard führt ein geniales Wein-Doppelleben mit phänomenalen Champagnern und den hier auf Sarrins produzierten Seelenwärmer-Weinen aus biologischem Anbau. Der Rotwein zeigt Würze und Charakter, ebenso der fruchtige Rosé, der Beweis ablegt dafür, dass die Provence eben tatsächlich aussergewöhnliche Rosés hervorbringt. Sie transportieren den Ausdruck der Traubensorten Grenache, Cinsault, Mourvèdre und Syrah herrlich frisch und für viele wunderbare Gerichte geben sie eben exakt die ideale Begleitung ab.

In den Abend und einen goldenen Sonnenuntergang führt die Weiterfahrt Richtung Südwesten an Toulon vorbei ans Meer, nach Bandol und das über der Küste thronendeChâteau de Pibarnon. Zusammen mit Henry de St-Victor und seinem Team degustieren wir den eigentlichen Paradewein aus der Mourvèdre-Traube, den «Barolo» der Provence. Klassisch im grossen Holzfass ausgebaut, braucht der Château de Pibarnon viel Geduld, bis er seine Klasse zeigt, Tiefgang, Struktur, mineralische Würze und sous-bois von hervorragenden Böden in felsigen, von duftenden Wäldern umgebenen Lagen.

Dann geht es ins Herzen von Südfrankreich und den Eingang ins Rhône-Delta, an den Alpilles vorbei mit Les-Baux-de-Provence und seinen Attraktionen. Südlich von Orange in Bédarrides liegt unscheinbar versteckt und geschützt vor dem Mistral die Domaine du Vieux Télégraphe. Daniel Brunier hat seine Keller klug und raffiniert optimiert, der Rundgang fasziniert, doch der einmalige Trumpf dieses Weinguts liegt in der Natur: die Verbindungsstrasse zum nahen Châteauneuf-du-Pape führt direkt vom Gut in die Höhe aufs Plateau La Crau. Hier oben mit wunderbarer Aussicht auf die Region und den Mont Ventoux trainieren wir die Beweglichkeit unserer Fussgelenke beim «Durchwaten» des Steinkugelmeeres. Tausende von knorrigen, uralten Rebstöcke von vornehmlich Grenache prägen diesen einmaligen Weingarten. Das Privathaus der Bruniers liegt inmitten dieses Weinbauparadieses, den Télégramme und den Vieux Télégraphe in Weiss und Rot geniessen wir dort mit einem gigot d’agneau vom Feuer. Wie einfach ist doch grosse Küche! (siehe auch das Prospekt zum Hammerwein Télégramme 2011).

Die Tour durch die mediterrane Traumwelt findet die Abrundung im Reich der Syrah-Traube. Der junge, sensible und hoch talentierte Winzer Emmanuel Darnaud zeigt uns aus verschiedenen Parzellen einzeln vinifizierte Weine, welche er dann zu seinem exzellenten Crozes-Hermitage «les Trois Chênes» komponiert. Mit Sicherheit einer der präzisesten und hochklassigsten Weine Frankreichs bei hoch fairem Preis.

Eine Jeepfahrt zusammen mit dem eher feingliedrigen, klugen, bescheidenen WeinbauernJean-Louis Chave – man würde nie glauben, dass dieser zu den Kultwinzern der Welt gehört! – wird zu einem Haarnadelparcours die halsbrecherisch steilen Terrassen hinauf zu den grandiosen Lagen von St-Joseph und Hermitage. Ebenso umwerfend sind dann die Resultate im Keller bei den ausgedehnten Fassproben im feuchten Dunkel alter Gewölbe. Was für magistrale Weine, Weltklasse!

Der für sein Alter erstaunlich geschmeidige René Rostaing ist wie Chave gar nicht der Typ des urchigen, stämmigen «Holzfällers»: kein Gramm fett und die Aura eines feinsinnigen und charmanten Poeten. Ihm kommt die Ehre zu, einen fulminanten Schlusspunkt zu setzen. Mit seinem Condrieu und subtilen Côtes Rôties beweist er sein Können, das auf einer riesigen Erfahrung von 43 Jahrgängen aufbaut.

Bis Lyon ist es nicht mehr weit, und schon bald hat uns der Norden wieder zurück. Etwas Wehmut kommt auf, aber die reichen Eindrücke werden haften bleiben und die Vorfreude auf weitere Preziosen aus diesen phantastischen Winzerkellern ist motivierend: die Weinkultur lebt und wird uns und Ihnen weiter Höhepunkte bescheren.