Unterwegs im Rebberg

Frisch verliebt. In Riesling.

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Frisch verliebt. In Riesling.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick zwischen der Traubensorte Riesling und mir. Weine mit markanter Säure schmeicheln mir zu wenig. Und dann diese nicht leicht verständlichen Abstufungen mit den Prädikaten Kabinett bis Eiswein – trocken, restsüss, edelsüss, leicht oder schwer? Kompliziert.

Riesling fühlt sich in klimatisch kühlen Weinbaugebieten am wohlsten und die besten Resultate erzielt man dort in Steillagen. Die wohl bekanntesten Beispiele kommen aus Deutschland, der Heimat der Sorte. Zu den ausgezeichneten Anbaugebieten zählen die Mosel, der Rheingau, die Pfalz, die Nahe und Rheinhessen. Also auf nach Deutschland, um die Gegend zusammen mit weiteren Team-Mitgliedern zu erkunden und sich – wie die meisten bei Martel – mit dem Riesling anzufreunden.

Maximin Grünhaus

In der Nähe von Trier – die älteste Stadt Deutschlands – liegt im Tal der Ruwer das imposante Gut Maximin Grünhaus, notabene das älteste Weingut Deutschlands. Die ersten urkundlichen Erwähnungen datieren aus dem Jahr 966!  Damals gehörte das Gut zur Beneditinerabtei Sankt Maximin. Aus dieser Zeit stammen auch die Namen der Weinbergslagen Abtsberg (der Wein für den Abt), Herrenberg (für die Gäste) und Bruderberg (für die Mönche). Einzigartig ist, dass sie alle an ein und demselben Südhang liegen. Was die Weine hauptsächlich unterschiedlich macht, ist die Bodenbeschaffenheit. Seit 1882 wacht die Familie von Maximin von Schubert über die Geschicke von Maximin Grünhaus. Die Freundschaft unserer beider Familien geht Jahrzehnte zurück, in die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg.

Hier im Ruwer-Tal ist es etwas kühler als in den meisten Mosel-Regionen. Daher rührt die typische Würzigkeit der Grünhaus-Weine. Zudem wird auch die mineralische Komponente durch die Kühle besser erlebbar. Diese zeigt sich besonders in der Abtsberg Spätlese 2018, die mich auch mit dem natürlich tiefen Alkoholgehalt (8% Vol) begeistert.

«Der Riesling ist eine Diva». Langsam finde ich Gefallen an dieser Traubensorte, denke ich, während ich durch den 1 km (!) langen Schlosskeller schlendere.

Maximin Grünhaus
Maximin Grünhaus. Natur pur.

Schloss Lieser

In Lieser an der Mittel-Mosel hat Thomas Haag vor über 25 Jahren das Weingut Schloss Lieser aus dem Dornröschenschlaf geweckt und es über all die Jahre zu einem der Besten der Region geformt. Seine Handschrift ist deutlich, seine filigranen, zarten Weine sind mittlerweile legendär und so spielt Schloss Lieser ganz klar in der Champions League.

Thomas Haags Begeisterung ist ansteckend. Als Qualitätsfreak verfolgt er eine sehr naturnahe Bearbeitung der Weinberge. Sein Credo ist «So wenig wie möglich, so viel wie nötig», um seiner Verantwortung gegenüber der Umwelt gerecht zu werden. Thomas Haag keltert Traum-Rieslinge mit Leidenschaft, hohem Anspruch und einer grossen Erfahrung. Kein Wunder, wurde er 2015 von Gault-Millau zum «Winzer des Jahres» gekürt und von Wein-Plus mit «beste Jahrgangskollektion 2017» geehrt. Und Good News: mit Tochter Lara und Sohn Niklas steht die nächste Haag-Generation bereits in den Startlöchern.

Freude macht das Grosse Gewächs Niederberg Helden 2018. Eine Rarität aus ältesten Rebbeständen (die VdP-Lagenklassifikation Grosses Gewächs lehnt sich an das Burgund an und entspricht einem Grand Cru). Ein sehr feiner Wein, getragen von einer raffinierten Säure, mit viel Rasse. Trotz der Wärme und der entsprechend hohen Reife des Jahrgangs ist der Wein schlank und die Aromatik noch zurückhaltend. Der Wein verlangt nach Flaschenreifung.

Schloss Lieser. Thomas und Lara Haag
Schloss Lieser. Thomas und Lara Haag

Schäfer-Fröhlich

Von der Mosel an die Nahe. Jede Region hat ihre eigenen Besonderheiten: die Rebfläche hier ist gerade mal halb so gross wie an der Mosel und die Bodenstruktur ist mit Schiefer, Porphyr, Sandstein, Lehm etc. enorm vielfältig. Steillagen gibt es natürlich auch, z.B. der Felsenberg. Die Familie Fröhlich betreibt in Bockenau bereits seit über 200 Jahren Rebbau.  Den grossen Durchbruch schaffte Tim Fröhlich Mitte der 2000er Jahre. Seit jeher aber steckt er seine ganze Kraft und Energie in die kargen und steilen Reblagen; achtet geradezu pedantisch darauf, makellos gesunde Trauben ernten zu können. Denn nur so kann er daraus authentische und terroirbetonte Weine keltern. Er vertraut dabei ganz auf Spontangärung, für die er als Spezialist gilt (wie auch sein Freund Thomas Haag). Was so entsteht, ist Natur pur. Unglaublich, was so ein kleines Stück Erde in Kombination mit seiner Rebe hervorbringt. Faszinierend, wie deutlich die Rieslingtraube auf die unterschiedlichen Böden reagiert.

So zeigen sich seine 2018er von fein und seidig bis wild und messerscharf. Aber immer kompromisslos und mit Eleganz vom Feinsten. Oder wie Robert Parker vor Jahren schon bestätigte: «There isn’t a more exciting winery to watch out for in Germany today.»

«Ein Riesling darf nicht zu easy sein, sondern komplex, anspruchsvoll und straight.» meint Tim, aber auch «Ein Glas Riesling muss Lust auf das nächste Glas machen.» Das machen sie. Und wie. Das Felseneck ist die herausragende Grosse Lage mit bis zu 70 Prozent steilen Südhängen. Der felsige Boden ist vielschichtig mit unter anderem blauem Devonschiefer und Quarzit. Der Elite-Riesling brilliert mit einer unübertrefflichen Feinheit und Präzision, vielschichtiger Aromatik und Mineralität.

Schäfer-Fröhlich. Tim Fröhlich und Martel Team
Schäfer-Fröhlich. Tim Fröhlich (3 v.l.) mit dem Martel Team

Robert Weil

Da ich nun mein Herz endgültig an den Riesling verloren habe, darf natürlich auch ein Besuch auf dem Kult-Weingut im Rheingau nicht fehlen. Auf Robert Weil erzeugt man seit 1876 weltweit beachtete Rieslinge. Damals war der Kiedricher Riesling von Weil einer der Lieblingsweine von Kaiser Wilhelm II. Mittlerweile hat Wilhelm Weil, der Urenkel des Gründers, das Weingut in die Moderne geführt. Weil-Rieslinge überzeugen mit Eleganz, Komplexität und einer unnachahmlichen Stilistik. Das ist deutsche Riesling Kultur. Hier bekommt man Herkunft und Terroir vom Feinsten.

«Ein Riesling soll die Kehle runterlaufen.» Wunderbar. Kiedrich Turmberg ist eine Erste Lage. Der 2018er duftet herrlich würzig, zeigt die jahrgangstypsiche warme und reife Aromatik. Weil aber trotz der heissen und sonnigen Witterung die Wasserversorgung bestens geklappt hat, zeigt er seine typische Mineralität, die ihm viel Zug verleiht. Da hätte auch der Kaiser seine Freude daran gehabt.

Robert Weil Keller
Im Keller von Robert Weil

Frisch verliebt. In Riesling.

Es gibt kaum eine andere Traubensorte, die die Böden präziser und wohlschmeckender in Wein übersetzt. Und es gibt keine andere Sorte, aus der man eine solche Vielfalt an Weinen keltern kann. Von knochentrocken über feinherb mit leichter Restsüsse bis zu vollsüssen Trockenbeerenauslesen. Egal ob zu Spicy Food, Käse oder zum frischen Apéro. Riesling passt. Und Riesling ist im Trend. In Deutschland erlebt man momentan einen regelrechten Riesling Hipe. In deutschen Szenebars trinken die Girls neuerdings Kabinett statt Cocktails. Ach Riesling. Ein Glück, habe ich dich doch noch entdeckt.

Unsere Rieslinge