Martel schenkt ein

Wie ich mich in den Wein verliebte…

Martin Schwarz | 09.02.2021 | Lesezeit ca. 3 Min. Wie ich mich in den Wein verliebte…

Zum Wein kam ich aus einer Not heraus. Im Anschluss an die Sekundarschule war die Verkehrsschule mein Ziel, Bahnhofsvorstand bei der SBB meine ambitionierte Vision. Doch mit der Aufnahmeprüfung in die Verkehrsschule klappte es nicht. So brauchte ich am Ende meiner Schulzeit im Frühling 1976 schnell eine Lehrstelle. Der Zufall meinte es gut mit mir: In meiner Schule war eine kaufmännische Lehrstelle ausgeschrieben. Weder kannte ich die St. Galler Weinhandlung, die diese Stelle in meiner Schule ausgeschrieben hatte, noch hatte ich bis anhin auch nur einen Tropfen Wein getrunken (klar, ich war ja noch nicht einmal 16 Jahre alt). Trotzdem und überraschenderweise wurde ich eingestellt. Das war der Beginn einer langen und lehrreichen Liebesgeschichte.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre – auch nicht in der Weinbranche

Offen gestanden: Die Anfangszeit meiner Lehre war nicht wirklich begeisternd und auch die – aus heutiger Sicht so spannende und reizvolle – Weinwelt interessierte mich damals wohl nur mässig. Wein und ich, das war nicht Liebe auf den ersten Blick. Wir gingen es langsam an. Nach und nach begann ich, mich aber dafür zu interessieren und so wurde das Jahr 1976 dann noch in weiterer Hinsicht schicksalhaft für mich und meine Liebe zum Wein.

Der Jahrgang, der alles veränderte

1976, der erste Burgunder-Jahrgang, den ich probieren konnte. Ich erinnere mich genau an diesen Frühlingssonntag 1978: Rosine und Bruno Ponnelle besuchten uns mit einem Haufen Muster im Gepäck. Mit der Kellerei Pierre Ponnelle bestritten wir damals das ganze Burgund-Geschäft. Am Morgen hatte ich mit der Knabenmusik die Prozession am Weissen Sonntag begleitet. Am Nachmittag setzte ich mich im Degustationsraum in eine Ecke, probierte und hörte vor allem zu. Es machte Klick: Offenbar war es damals um mich geschehen und seither haben mich das Burgund und seine Weine nicht mehr losgelassen. Ich war fasziniert von der Vielfalt dieser Weine, gewonnen aus der gleichen Traubensorte, Pinot Noir. Diese Faszination ist bis heute geblieben, nicht nur vom Burgund.

Die Degustation, die alles veränderte

1976 wurde gleich noch einmal entscheidend für meine Beziehung zu Wein. Denn das Jahr meines Einstiegs ins Weingeschäft war auch das Jahr, in dem der englische Weinhändler Steven Spurrier in Paris eine Vergleichsdegustation mit kalifornischen und französischen Weinen veranstaltete, heute besser bekannt als «Judgement of Paris». Kalifornische Weine machten völlig überraschend das Rennen. Nachdem bei der Revanche 1979 wieder kalifornische Weine obenauf schwangen, stiegen wir gross ins Geschäft mit kalifornischen Weinen ein. Die Begegnung mit diesen Weinen erweiterte meinen Horizont enorm.

Das Angebot, das alles veränderte

Als mir Walter Schug, er war Winemaker von Joseph Phelps Vineyards, dann auch noch anbot, bei ihm im Napa Valley eine Stage zu absolvieren, sagte ich begeistert und neugierig zu. Ich lernte viel bei dieser Arbeit, erfasste langsam die Zusammenhänge des Weinbaus und vor allem lernte ich, Wein besser zu verstehen. Einkaufsreisen rund um die Welt über die letzten 40 Jahre hinweg sowie Gespräche und Degustationen mit einigen der besten Winzer förderten meine Passion. So wurde die Beziehung zwischen dem Wein und mir über all die Jahre immer enger und intensiver. Das über Weiterbildungen angeeignete Wissen unterstützte meine Freude und meine Liebe dazu noch.

Klar gibt es Momente, an denen sich mir ein Wein als unnahbare Diva vorstellt, nicht zeigt, was er ist, er alles andere als gesprächig ist und tief unten im Glas sitzt. Aber oft umarmt er mich dann in ein paar Jahren dafür umso inniger und genau solche Momente sind das, was ich an dem Faszinosum Wein so unendlich schätze.

Martin Schwarz, Leiter Einkauf