Unterwegs im Rebberg

Martel und Burgund. Es muss nicht immer Grand Cru sein.

Thomas Buerkli | 31.05.2021 | Lesezeit ca. 4 Min. Martel und Burgund. Es muss nicht immer Grand Cru sein.

Es ist wieder die Zeit des Jahres, in der die Angebote für die neuen Burgunder-Jahrgänge im Briefkasten landen. Manche wünschen sich in diesem Moment, dass sie doch früher ihre Liebe zum Burgund und seinen Weinen entdeckt hätten. Es scheint, dass die Preise für die raren Burgunder Weiss- und Rotweine nur eine Richtung kennen – die Richtung nach oben. Für diese Tendenz gibt es verschiedene (und auch berechtigte) Gründe: Die Weine sind weltweit sehr gesucht. Denn die Winzer lernten in den letzten 20 – 30 Jahren besser mit ihren Rebflächen umzugehen. Sie haben Erträge reguliert und setzen auf naturnahen Rebbau – die Qualität ist insgesamt höher.

Die Weine stammen oft von winzigen Parzellen einer Lage. Dazu gab es viele quantitativ unterdurchschnittliche Ernten. So haben die Winzer leider nur 100 oder 1’000 Flaschen pro Lage, die sie anbieten können. Ein Beispiel ist «Clos de Vougeot», die sich als grösste Grand Cru-Lage im Burgund (50 Hektar) rund 85 Winzer untereinander aufteilen. Zum Vergleich hat ein bekanntes Weingut im Bordelais wie Château Lafite-Rothschild rund 100 ha Rebfläche.

Kurzum: Die Menge ist sehr limitiert. Die Anzahl der Weinfreunde, welche diese spannende Weinregion, in der die Weissweine mehrheitlich aus Chardonnay und die Rotweine aus Pinot Noir gekeltert werden, entdeckt und lieben gelernt haben, wird hingegen laufend grösser.

Ein Loblied auf die «kleine» Lage

Entsprechend gesucht sind die meisten Premier- und Grand Crus aus dem Burgund. Dabei geht es nicht nur um die Weine der Domaine de la Romanée-Conti, Armand Rousseau, Domaine Leroy oder Coche-Dury, sondern auch um die vielen aufstrebenden Domänen und Jungwinzer, welche die Keller nun von ihren Vätern übernommen haben. Im Schatten dieser bekannten Lagen gibt es aber viele noch etwas unbekanntere Regionen, Rebberge und Winzer, die in den letzten Jahren ihren Platz in der Burgunder Weinwelt gefunden haben. Nördlich von Gevrey-Chambertin in Richtung Dijon liegen zum Beispiel die Gemeinden Fixin und Marsannay. Lagen mit ähnlichen Böden wie in Gevrey. Hier haben auch Spitzenwinzer wie die Domaine Trapet oder Méo-Camuzet Rebflächen, die sie bearbeiten. Aber auch ein Newcomer wie Guillaume Tardy aus Vosne-Romanée keltert einen spannenden Fixin «La Place». Tardy hat auch Reben in Nuits St. Georges, einmal in der Premier Cru Lage «Argillas» aber auch in «Bas de Combe». Bas de Combe ist eine «einfache» Village-Lage und liegt im Norden der Appellation an der Grenze zu Vosne-Romanée. Direkte Nachbarn sind hier die Premier Crus «Les Chaumes» oder «Aux Malconsorts».

Nicht weit entfernt, rund 500 Meter, liegt der Grand Cru «La Tâche», ein Monopol der Domaine de la Romanée-Conti, der ein Vielfaches vom unbekannteren Nuits-St-Georges kostet. Selbstverständlich kann man diese zwei Weine nicht direkt vergleichen. Die Wahrscheinlichkeit ein paar Flaschen vom Nuits-St-Georges erstehen zu können, sind aber massiv grösser als vom weltweit gesuchten La Tâche. Eins ist sicher: Starke Emotionen wecken beide Weine.

Auch Chardonnay ist heiss begehrt

Ein weiteres interessantes Beispiel ist die Premier Cru Lage «Les Demoiselles» in Puligny-Montrachet. Dieser Premier Cru, der nur rund einen halben Hektar klein ist, liegt neben Chevalier-Montrachet und somit nur einen Steinwurf vom Montrachet-Rebberg entfernt. Im Vergleich mit anderen Premier Crus aus Puligny ist Les Demoiselles meist etwas teurer, aber immer noch massiv günstiger als eine Flasche vom berühmten Le Montrachet. Dieser gilt in der Fachwelt als der beste Wein aus der Chardonnay-Traube und ist legendär. Einer der Besitzer hier ist das Weingut Guy Amiot, welches bekannt für seine Spitzenweine aus Chassagne-Montrachet ist.

Von Trüffelhunden und Grapehuntern

Auf ein fast schon exotisches Erfolgsmodell setzt das Weingut Lucien LeMoine. Dieses besitzt nämlich keine eigenen Reben im Burgund. Gutsleiter Mounir Saouma könnte man daher praktisch auch als eine Art «Trüffelhund» oder «Grapehunter» bezeichnen. Er kennt das Burgund wie wenig andere und ist ständig auf der Suche nach Trauben aus den unbekannteren Spitzenlagen, um daraus Weine zu vinifizieren, die ihr Terroir widerspiegeln und berühren. Interessante Weine sind bei ihm zum Beispiel Chambolle-Musigny 1er cru Les Hauts Doix mit Trauben aus Lagen gelegen zwischen «Les Charmes» und «Les Amoureuses», oder Morey Saint-Denis 1er Cru Les Chaffots. Ein Wein aus Trauben oberhalb der Grand Cru-Lagen «Clos Saint Denis» und «Clos de la Roche». Pro Jahr produziert Mounir mit seiner Frau Rotem 30’000 Flaschen Wein, diese aber auf 100 verschiedene Premier- und Grand Cru-Lagen verteilt – jeder einzelne Lagenwein ein garantierter Gaumenschmeichler.

Es gibt sie also, die Trouvaillen und Geheimtipps an der Côte d’Or. Auch wir pflegen ein ausgewogenes Sortiment, gerade jetzt während der Burgund Arrivage 2019. Man braucht etwas Zeit und Geduld, diese Schätze zu entdecken, zu heben und seinen Favoriten unter den unbekannteren Lagen zu küren. Aber sind sie einmal gehoben, werden einen viele amüsante Weingeschichten und magische Weinmomente belohnen.