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Mysterium Trinkreife: Reif oder nicht reif – das ist hier die Frage

Philippe Gallusser | 29.09.2021 | Lesezeit ca. 4 Min. Mysterium Trinkreife: Reif oder nicht reif – das ist hier die Frage

Das Thema Trinkreife beschäftigt Weingeniesser und -sammler auf der ganzen Welt. Trinkt man einen besonderen Wein zu früh, zeigt er sich verschlossen, unnahbar und unharmonisch. Die Gerbstoffe sind noch trocknend und die Aromatik vergleichsweise eindimensional. Trinkt man ihn zu spät, verliert er seinen Druck, seine Frische und Frucht. Er ist oxidiert und im schlimmsten Fall nicht mehr geniessbar.

Die persönliche Präferenz entscheidet

Wie so oft in der Weinwelt gilt auch bei der Trinkreife: Es kommt auf den Geschmack des Geniessers an. Während der Eine fruchtige noch etwas ungestüme und rassige Weine liebt, bevorzugt der Andere Tertiäraromen, abgerundete Gerbstoffe und eine milde Säure. Glücklicherweise besitzen die meisten grossen Weine ein relativ grosses Zeitfenster. Um den ganzen Lebenszyklus eines bestimmten Weines zu beobachten, macht es Sinn, mehrere Flaschen zu erwerben. Nur so erlebt man den Wein mit all seinen Facetten. Viele Weine sind in ihrer Jugend ein Genuss, verschliessen sich aber dann und wachsen erst nach mehreren Jahren zu ihrer wahren Grösse heran.

Die Einflussfaktoren

Generell kann man sagen: Je mehr Extrakt, Säure, Restzucker, Tannin und/oder Alkohol ein Wein besitzt, desto länger kann er gelagert werden. Vorausgesetzt, er macht dies unter kühlen und abgedunkelten Einkellerungsbedingungen. Die zuvor genannten Faktoren sind aber noch bei weitem keine Garantie für ein grosses Reifepotential. Hier kommt neben dem Können des Winzers auch etwas Magie ins Spiel: Es ist das Zusammenspiel aller Einflüsse und die Hochwertigkeit des Ursprungsmaterials einerseits. Andrerseits sind es aber auch softe Faktoren wie Tiefgründigkeit, Finesse, Spannung und Balance, die einem Wein ein langes Leben einhauchen. So besassen grosse rote Burgunder aus den 60er-Jahren auch in ihrer Jugend eher wenig Tannin, keine Restsüsse sowie moderate Säure und Alkohol. Und trotzdem gibt es Beispiele von noch jungen, frischen und lebendigen Exemplaren, welchen man nie eine solch monumentale Lebensdauer zugetraut hätte.

Best of Trinkreife – welche Weine eignen sich zur Lagerung?

Als der ultimative Lagerwein schlechthin – nur eine Begründung für dessen Weltruhm – wird Bordeaux angesehen. Insbesondere aus den Top-Appellationen des Médoc. Legendär sollen bei Château Lafite-Rothschild auch heute noch die Jahrgänge 1811 und 1870 sein. Schade, dass ich diese nie geniessen konnte. Weitere bekannte Regionen für Rotweine mit ausgezeichnetem Reifepotential sind neben dem schon genannten Burgund das provenzalische Bandol, Hermitage, Côte-Rôtie, Rioja, Barolo, Brunello di Montalcino und das kalifornische Napa Valley sein. Bei den Rebsorten eignen sich vor allem tannin- und extraktstarke Sorten wie Cabernet Sauvignon, Syrah, Malbec, Tannat, Nebbiolo und Sangiovese.

Abgesehen von grossen weissen Burgundern, Riesling, Chenin Blanc und Grünem Veltliner besitzen Rotweine generell eine höhere Lebensdauer als trockene Weissweine. Es gibt aber erstaunliche Ausnahmen. Wer schon einen gereiften Dézaley (Chasselas) aus dem letzten Jahrtausend verkostet hat, weiss, was wir meinen: Die Weine zeigen eine burgundische Stilistik, Viskosität und enorme Komplexität.

Schliesslich eignen sich auch Süssweine sehr gut zur Einkellerung. Zum einen edelfaule Preziosen dank des hohen Zucker- und Säuregehalts. Zum anderen aufgespritete Weine wie Portwein und Madeira dank des erhöhten Extrakt- und Alkoholgehalts. Auch hier gibt es unzählige Beispiele aus den letzten Jahrhunderten, die auch heute noch allerhöchsten Genuss bieten sollen. So zum Beispiel der legendäre Vintage Port-Jahrgang 1900, Château D’Yquem 1811 und 1847 sowie deutsche Trockenbeerenauslesen bis zurück in die 1790er Jahre.

Leider werden wir alle wohl eher weniger schnell in den Genuss dieser zuvor genannten Weine kommen. Und doch bin ich mir sicher, dass auch in Ihrem Keller der ein oder anderen Schatz liegt, der in Ihrem Kopf Fragen aufwirft: Wie gross ist das Reifepotential? Wie lange kann der Wein gelagert werden? Oder wann kommt der Wein in seine Trinkreife? Die passenden Antworten dazu bietet unsere allumfassende Jahrgangs- und Trinkreifetabelle.