Unterwegs im Rebberg

Zeit für Wein 

Barbara Martel | 07.11.2022 | Lesezeit ca. 5 Min. Zeit für Wein 

Servus Österreich, wir kommen! Das Martel-Team unternimmt oft Reisen, um die Weingebiete besser kennenzulernen und im engen Kontakt zu bleiben mit Winzerinnen und Winzern. So lässt sich Weinkultur am besten vermitteln. Im Herbst 2022 waren sieben Martel-Mitarbeitende in Österreichs Weingebieten unterwegs. Barbara Martel erzählt im ersten Teil ihres Reiseberichts, wie sorgsam die Martel-Winzerinnen und Winzer mit dem Wein umgehen und wie wichtig dabei der Faktor Zeit ist.

«Weine brauchen Zuneigung und Zeit. Sie eignen sich eigentlich nicht zur Nur-Degustation. Erst beim Trinken und Geniessen einer Flasche zeigt sich der Wein», sagt uns der Winzer Christoph Neumeister aus der Steiermark und bringt damit das Thema auf den Punkt. Christoph ist ein begeisterter Weinmacher. Er ist sehr offen, erzählt farbig und mitreissend. Man spürt die tiefe Liebe zu seinen Reben. Für ihn ist klar: «Die schonende Behandlung der Trauben ist oberstes Gebot. Gelesen wird nur von Hand.» 

Sorgfältige Ernte

Christophs Erntehelfer sind zu 75% weiblich. Vorteil: Frauen sind verlässlich, haben kleinere Hände und ernten sauber und flink. Der Winzer setzt den Fokus klar auf die Arbeit im Rebberg. «Wichtig sind strenge Selektion des Rebguts, zuerst im Weingarten, dann am Sortiertisch. Im Keller passiert dann nicht mehr viel. Das Meiste muss im Weingarten erledigt sein.»

Christoph Neumeister arbeitet penibel, sucht absolute Perfektion und fühlt sich als Bio-Winzer dem sorgsamen Umgang mit der Natur verbunden. Zum Beispiel stehen Trauben nie lange an der Sonne, nach der Lese werden sie sofort mit gekühltem Transport zum Weingut gebracht. Dort nutzt der Winzer das Gefälle: Trauben rutschen langsam und ohne Pumpen vom Sortiertisch in den Tank. Neumeister arbeitet mit bis zu 40 Stunden Maischestandzeit. Auch der weitere Ausbau der Weine erfolgt sehr langsam. Vielleicht ist es diese Ruhe, die bei den Neumeister-Weinen für deren typische Finesse sorgt. Neumeister-Weine sind aber nicht nur fein, sondern auch duftig, präzise und klar.

Christoph Neumeister

Die Reife macht’s

Als nächstes empfängt uns der international gefeierte Blaufränkischspezialist Roland Velich bei sich im Burgenländer Wohnhaus. Im Ofen brennt ein Feuer und sein kleiner Terrier macht es sich zwischen unseren Füssen bequem. Roland spricht überlegt und überzeugend, fast philosophisch. Man spürt seinen Stolz, seine Hingabe, aber auch seine Zielstrebigkeit und Gradlinigkeit. Er ist überzeugt «Wein braucht Zeit». Und er unterstreicht dies mit dem Aufruf: «Reifen, Reifen, Reifen und Luft, Luft, Luft!» Für den Winzer ist klar: «Man wird belohnt, wenn man den Weinen Zeit lässt.»

Konsequenterweise baut Roland seine Weine sehr langsam aus. Die Trauben liegen 3 bis 5 Monate auf der Weinhefe. Die Vergärung erfolgt spontan. Es gibt keine Schönung. Roland setzt ganz auf handwerkliches Weinmachen. Seine Weine sind anspruchsvoll, komplex und fordernd. Sie sind facettenreich und für Leute gedacht, die Wein mit viel Zeit und Aufmerksamkeit geniessen.

Roland Velich

Lob der Langsamkeit

Ein wunderschöner Herbstmorgen. Nun sind wir auf dem Weingut von Heike und Gernot Heinrich in Gols am Neusiedlersee. Die Stimmung hier fast mystisch. Herbstliche Rost- und Goldtöne werden von zarten Nebelschwaden gestreichelt: Heinrich Gernot ist ein erfahrener Vollblutwinzer, mit grossem Wissen und Weingefühl und zudem ein kreativer Tüftler. Er sagt: «Guter Wein braucht Geduld und Kreativität.»

Gernot wurde erst im Laufe seines Winzerlebens bewusst, wie wichtig der Faktor Zeit beim Wein ist: «Unglaublich, was man mit Zeit alleine bewirken kann. Und dies in einer Phase, in der alle zu wenig davon haben.» Die Heinrich-Weine zeigen Struktur und Charakter am Gaumen. Sie sind unverfälscht und vielschichtig, sie wirken echt. Dazu trägt sicher der schonende Umgang mit dem Traubengut und dem Most bei. Heike und Gernot Heinrichs Weine werden nie gepumpt, die Topweine füllt das Winzerpaar einzig mit Schwerkraft in die Flaschen ab.

Heinrich

Slow Wine

Auf unserer ausgedehnten Reise durch Österreichs Weingebiete wird uns in vielerlei Hinsicht klar, wie wichtig es ist, dem Wein Zeit zu lassen. Es beginnt im Rebberg. Je weniger schnell die Trauben reifen, je mehr Aroma entwickeln sie. Eine langsame Gärung bei kühleren Temperaturen kann dazu beitragen, dass der Wein tiefgründiger und subtiler wird.

Auch wie lange der Wein später im Fass ausgebaut wird, zeigt unbestritten Auswirkungen auf den Wein. Die Dauer der Fasslagerung bestimmt, wie stark der Wein vom Holzaroma geprägt ist. Zum anderen entstehen beim Wein mit der Zeit sogenannte tertiäre Noten, also Reifearomen. Wein reift im eigenen Weinkeller weiter. Oft kauft man den Wein jung und legt ihn zur Seite, bis er die optimale Trinkreife erreicht, also nicht mehr zu jung ist und nicht bereits zu sehr gereift.

Slow Wine

Jeder Wein zu seiner Zeit

Unsere langjährige Winzerfreundin Heidi Schröck führt uns in ihrem 600-jährigen Bauernhaus in Rust am Neusiedlersee eine weitere Komponente des Faktors Zeit beim Wein vor Augen. Sie überrascht das Martel-Team mit einer ganz speziellen Degustation. Wir vergleichen den jeweils aktuellen Jahrgang mit dem Jahrgang desselben Weins, den eine Geschichte mit der Weinhandlung Martel verbindet. So wird erlebbar, wie die Jahre vergehen und wir erinnern uns an schöne gemeinsame Zeiten. Zum Beispiel verkosteten wir den Süsswein Ruster Ausbruch 1995, also den ersten Wein, den Heidi an Martel geliefert hatte. Dieser über ein Vierteljahrhundert alte Wein ist wunderbar komplex, kraftvoll, würzig. Wie flüssiges Gold.

Wir reden und lachen viel. Heidi sagt dabei treffend: «Die wichtigsten Weine sind die, die man zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Menschen trinkt.» Auf ihrem Weingut können wir verfolgen, wie die nächste Generation langsam das Zepter übernimmt. Heidis Söhne Johannes und Georg sind erwachsen geworden, top ausgebildet und treten bald in die Fussstapfen ihrer Mutter, die ihnen das Weingut mit der Zeit übergeben wird.

Heidi Schröck

In der zweiten Folge des Österreich-Reiseberichts geht es um das Thema: Qualität ist alles! Diese folgt schon bald…