Neuer Blick auf Rhône-Weine

Rhône wir kommen! Das Martel-Team ist viel unterwegs, um die Weinregionen besser kennenzulernen und mit den Winzerinnen und Winzern in engem Kontakt zu bleiben. So lässt sich Weinkultur am besten vermitteln. Ende 2025 war eine Gruppe von Martel-Mitarbeitenden in der südlichen und nördlichen Rhône unterwegs. Mit dabei: Martel-Weinberater Jonas Gmünder. Wir befragten ihn nach seiner Rückkehr, welche Erwartungen erfüllt wurden und wo er sich überraschen liess.
Jonas, du warst mit dem Martel-Team im Rhône-Weingebiet unterwegs. Mit welchem Bild bist du angereist?
Mein Herz schlug schon immer stärker für die nördliche Rhône. Das hat viel mit der Rebsorte zu tun. Syrah zeigt dort eine Präzision, eine Spannung, die mich fasziniert. Kühlere Nächte, steile Hänge, Granit. Die südliche Rhône stand früher eher am Rand meines Interesses.
Im Süden habt ihr unter anderem Vieux Télégraphe besucht, einen der grossen Namen von Châteauneuf-du-Pape. Hat sich dein Bild verändert?
Ja, und zwar deutlich. Télégraphe macht beeindruckende Weine. Sehr klar, sehr sauber, mit einer überraschenden Eleganz. Gleichzeitig sieht man im Süden auch die Kehrseite. Es gibt extrem viel Volumen und leider auch viel schwache Qualität. Wer dort ernsthaft auf Niveau arbeiten will, muss kämpfen.
Wie reagieren die führenden Betriebe auf diesen Druck?
Mit Konsequenz. Qualität ist das zentrale Thema. Lieber weniger Ertrag, dafür Präzision. Viele Winzer suchen bewusst Eleganz und Schlankheit, auch wenn das wirtschaftlich riskanter ist. Der Stolz auf Herkunft und Tradition ist spürbar. Man will nicht laut sein, sondern stimmig.
Was gefiel dir speziell beim Besuch auf Vieux Télégraphe?
Das berühmte Plateau de La Crau in der Appellation Châteauneuf-du-Pape beeindruckte mich tief. Hier bewirtschaftet Vieux Télégraphe erstklassiges Rebland. Dieses Hochplateau mit den charakteristischen galets roulés gilt als eines der bedeutendsten Terroirs des Gebiets und prägt den Stil der Télégraphe-Weine. Echt eindrücklich, wie sich das Terroir im Wein widerspiegelt: Es ist ein saftiger Wein, balanciert und erstaunlich frisch für Châteauneuf-du-Pape. Reife Frucht, aber nie schwer. Füllig, doch mit Zug. Ich sehe im Vieux Télégraphe einen Wein mit innerer Ruhe und grossem Lagerpotenzial. In Frankreich ist das Renommée von Vieux Télégraphe übrigens enorm gut. Dessen war ich mir nicht bewusst. Und was ich auch lernte auf dem Weingut: Die Familie Brunier arbeitet dort seit 1970 und denkt langfristig.
Wechseln wir in den Norden. Wie nimmst du dort das Image wahr?
Sehr hochwertig. Côte-Rôtie steht für kompromisslose Handarbeit. Bei Betrieben wie Rostaing, mit rund 12 ha in extrem steilen Lagen, ist jeder Schritt physisch. Diese Weine sind auf Jahrzehnte angelegt.
Ein weiterer Höhepunkt war das ikonische Château Grillet, ein Weingut mit eigener Appellation. Was macht diesen Ort so besonders?
Die Dimension. Knapp 4 ha, verteilt auf 102 (!) Terrassen. Jede Parzelle wird einzeln gelesen. Aloïs Houeto, der verantwortliche Winzer, selektioniert gnadenlos.

Nur das Beste fliesst in den finalen Wein. 100% Viognier, eine Rebsorte, die unter Hitze leidet. Umso beeindruckender ist die Frische. Salzige Noten, feine Cremigkeit, kühle Mineralität. Das wirkt zeitlos.
Der Klimawandel begleitet viele Gespräche an der Rhône. Wie präsent ist das Thema?
Sehr präsent. 2025 haben einige Betriebe bis zu 30% der Ernte durch Sonnenbrand verloren. Das ist dramatisch. Viele arbeiten sehr bewusst mit Laubmanagement und Lesezeitpunkten, um den Alkohol im Rahmen zu halten. 14 bis 14.5% Alkohol gelten oft als obere Limite, um Spannung und Trinkfluss zu bewahren.
Terroir ist ein Schlüsselbegriff, besonders in bekannten Weinbergen wie Brune und Blonde. Wie zeigt sich das vor Ort?
Das ist mit blossem Auge zu sehen. Brune mit Granit und Lehm, Blond mit sandigem Schiefer und Kalkstein. Diese Unterschiede sieht und schmeckt man. Der Terroirgedanke ist heute an der nördlichen Rhône viel detaillierter als früher. Innerhalb eines Hügels gibt es enorme Variationen. Separate Vinifikation ist dort deshalb kein Luxus, sondern logisch.
Zum Schluss noch ein Blick auf Emmanuel Darnaud aus Saint Joseph und Hermitage. Ein anderer Stil?
Ja, zugänglicher, sehr saftig, filigran. Weniger monumental als die grossen Ikonen, dafür offen, präzis und unglaublich sympathisch. Das sind Weine, die man gerne teilt, die sofort Freude machen und trotzdem seriös sind.
Was ist dein persönliches Fazit dieser Reise?
Der Qualitätsanspruch hat mich tief beeindruckt. Trotz grosser Namen war alles sehr bodenständig. Offen, herzlich, konzentriert auf das Wesentliche. Von der Fassprobe bis zur finalen Assemblage. Die Rhône zeigt Charakter. Und sie zeigt Haltung. Das gefällt mir.
Facts & Figures zum Weingebiet Rhône
• Gesamtfläche: ca. 69’000 ha
• Klima: kontinental im Norden, mediterran im Süden
• Charakter: grosse stilistische Spannweite, von Syrah-Präzision bis Grenache-Cuvées
Nördliche Rhône
• Fläche: ca. 4’000 ha, viele Steillagen
• Anteil an der Rhône: ca. 5%
• Hauptrebsorten: Viognier, Marsanne, Roussanne (weiss) | Syrah (rot)
• Weinfarbe: ca. 70% rot | 30% weiss
• Top-Appellationen: Côte-Rôtie, Hermitage, Cornas, Saint-Joseph, Condrieu
• Durchschnittliche Höhe: 200 – 350 m ü. M.
• Stil: kühl, präzise, würzig, langlebig
Südliche Rhône
• Fläche: ca. 65’000 ha
• Anteil an der Rhône: ca. 95%
• Hauptrebsorten: Grenache, Syrah, Mourvèdre, Cinsault (rot)
• Weinfarbe: ca. 85% rot | 10% weiss | 5% rosé
• Top-Appellationen: Châteauneuf-du-Pape, Gigondas, Vacqueyras, Cairanne
• Durchschnittliche Höhe: 50 – 300 m ü. M.
• Stil: warm, würzig, kraftvoll, harmonisch