Interview mit dem Martel Bordeaux-Experten

Neuer Bordeaux-Jahrgang 2023: Hoher Genuss zu tieferem Preis

2023 bringt in Bordeaux sehr gute Rotweine und Weissweine und hervorragende Süssweine. Und dies zu erheblich günstigeren Preisen. Für die Qualität der Rotweine sind der Erntezeitpunkt und vor allem auch die Selektion entscheidend. Jeweils im Frühling nach der Lese präsentieren die führenden Bordeaux-Châteaux ihre Weine dem Fachpublikum. Anschliessend beginnt die Subskription, bei der die Bordeauxweine bereits zwei Jahre vor der Auslieferung erworben werden können. Unser Einkaufsleiter Philippe Gallusser war für Martel eine Woche im Bordelais unterwegs und machte sich ein vertieftes Bild über den Jahrgang 2023.

«2023 ist die Selektion alles. Hier kommt unsere Stärke als kompetente Weinhandlung zum Tragen. Wir treffen die Wahl vor Ort in Bordeaux mit eigenen Experten.»

Philippe Gallusser, das grosse Thema bei der Weinproduktion ist das Wetter. Wie war es 2023 und welchen Einfluss hatte es?
Letztes Jahr trieben die Reben im Bordeaux früh aus, mit wenigen Spätfrösten vor allem im Libournais. Während der Blüte stimmten die Bedingungen perfekt. Das legte den Grundstein für die überdurchschnittlichen Erträge von 2023. Obwohl während der Vegetationsperiode tropische Bedingungen (warm mit hoher Luftfeuchtigkeit) herrschten, regnete es eigentlich nicht viel – ausser im Juni.

Was heisst das für die Winzerinnen und Winzer?
Die Kombination von Wärme und Feuchtigkeit ist gefährlich für die Reben. So wurde die Pilzkrankheit Falscher Mehltau zum grössten Problem des Jahrgangs. Konkret bedeutet das für die Winzerinnen und Winzer viel Arbeit in den Rebbergen.

Der Sommer 2023 war überdurchschnittlich warm. Wie wirkte sich dies aus auf die Reben?
Interessant ist, dass es im letzten Sommer trotz überdurchschnittlicher Temperaturen eher wenig Sonnenstunden gab. Es war häufig bewölkt. Ende August/Anfang September kam eine massive Hitzewelle mit viel Sonne. Dies führte teilweise zu eingetrockneten Trauben und Sonnenbrand auf Traubenbeeren. Mitte September war der Schlüsselmoment beim Cabernet Sauvignon im Médoc. Auf den 20. September waren intensive Regenfälle angekündigt. Einige Châteaux ernteten vor dem Regen und liessen damit die Trauben phenolisch nicht ausreifen. Das führte zu groben und teils grünen Tanninen. Allerdings waren die Regenfälle weit weniger stark wie befürchtet. Weingüter, welche die Nerven behielten und sich mit der Lese geduldeten, wurden belohnt. Nach dem Regen herrschten ideale klimatologische Bedingungen, die Trauben konnten perfekt ausreifen.

Was heisst das für die Qualität der Rotweine?
Wir stellen eine heterogene Qualität fest. Neben berührenden Weltklasse-Weinen gibt es auch viel Durchschnittliches. Die Tanninreife ist das grosse Thema beim roten Bordeaux 2023 und macht den Unterschied. Die Aromen sind oft blau- bis schwarzfruchtig. Besonders wichtig bei den besseren Weinen: Viele zeigen blumige Aromen, zum Beispiel Veilchen. Generell ist ein gutes Terroir für hohe Qualität in diesem Jahr besonders wichtig. Zweitweine zum Beispiel müssen 2023 speziell sorgfältig ausgewählt werden. Generell ist eine strenge Selektion durch Martel bei diesem Jahrgang wichtig.

Wie schneiden das linke und das rechte Bordeaux-Ufer bei den Rotweinen ab?
Im Médoc, inklusive Pessac-Léognan, reden wir allgemein von einem guten bis sehr guten Jahrgang. 2023 ist klar ein Cabernet Sauvignon-Jahr. In die Assemblagen gelangte denn auch ein höherer Anteil Cabernet als üblich. Die Weine im Médoc zeigen sich 2023 mittelgewichtig, mit erstaunlich hoher Säure. Wie erwähnt ist das Thema Tanninreife für die Weinqualität zentral. Im Libournais, also am rechten Bordeaux-Ufer, sind die Weine sogar sehr gut. Die besseren Weine sind konzentriert, druckvoll mit Frische, Tiefe und Spannung – hier ist der Merlot top. Pomerol als Ganzes macht im Jahrgang 2023 das Rennen. St-Emilion zeigt sich indes heterogener.

2023 gilt als Weisswein- und Süssweinjahr, wie zeigt sich das bei den trockenen Weissweinen?
Wir freuen uns über ein sehr gutes Weissweinjahr und schätzen die energischen Weine mit Tiefe, Eleganz und Saftigkeit.

Jahrgangsbericht Bordeaux 2023

Die Säure ist recht hoch. Das sorgt für Frische. Andererseits gibt es auch banale Weine (vor allem im Médoc) und/oder mit grünlicher, spitzer, unreifer Säure.

Und die Süssweine?
2023 ist ein klassisches Sauternes-Jahr mit viel Botrytis. Das bringt mehr Restzucker als üblich. Beim Sauternes-Weingut Doisy-Védrines zum Beispiel liegt der Restzucker in einem durchschnittlichen Jahr bei 130 Gramm pro Liter. 2023 waren es 150 Gramm. Entscheidend ist jedoch die Säure. Die besten Weine überzeugen mit grossartiger Harmonie zwischen Süsse und Säure. Sie zeigen Kraft, Opulenz, Spannung, Komplexität und Länge. Nur manche Weine haben zu wenig Säure und wirken klebrig. Auch hier gilt 2023 wie im ganzen Bordeaux: Selektion ist alles.

Also viel zu tun für die Martel Bordeaux-Experten?
Ja, 2023 ist tatsächlich ein Jahr, in dem wir mit unserer Auswahl Sicherheit beim Weinkauf bieten können. Dies ist mit Verantwortung und natürlich auch mit Arbeit verbunden. Dabei ist es unglaublich spannend – und unsere Passion.

Ein grosses Thema sind die Preise des Bordeaux-Jahrgangs 2023. Kommt der grosse Rutsch?
Von einem Rutsch würde ich nicht sprechen. Wir erwarten, dass die Preise leicht bis signifikant zurückgehen. Bei den Weinen ausserhalb des Ultrapremium-Bereichs rechnen wir mit einer Reduktion von 5 – 15 Prozent. Grosse Châteaux, die in den letzten Jahren zu Preisexzessen neigten, buchstabieren aller Voraussicht nach zurück. Hier kommt es zu Nachlässen bis zu 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr kommen. Damit liegen wir wieder auf dem Niveau von 2019. Die Preise für Sauternes übrigens bleiben gleich oder steigen leicht.

Und wie ordnen Sie diese Preisentwicklung ein?
Ich halte die Preissenkungen für überfällig, zumal wir 2023 einen Jahrgang mit überdurchschnittlichen Mengen haben. Gerade nach den Übertreibungen einzelner Weingüter der letzten Jahre ist eine Korrektur notwendig. Für Weinliebhaber, die Bordeaux in Subskription kaufen, ist das ein sehr positives Zeichen. 2023 bietet die Chance für echte Schnäppchen. Mit der richtigen Auswahl stimmen Qualität und Preis. Die Subskription lohnt sich voraussichtlich auch im Vergleich zu dem, was die Weine in zwei Jahren kosten werden, wenn sie auf den Markt kommen.

Diese Aktion ist abgelaufen.

Die Martel-Noten für den Bordeaux 2023

Die Jahrgangstabelle der Weinhandlung Martel ist eine zuverlässige Quelle für die Einordnung von Jahrgängen.

Rotwein
Rive gauche mit Pessac-Léognan: Note 3,5 von 5
Libournais: Note 4 von 5

Weisswein
Note 4 von 5

Süsswein
Sauternes: Note 5 von 5

Unsere Highlights

Rotweine

Médoc
Montrose, St. Estèphe
Pichon-Longueville-Comtesse de Lalande, Pauillac
Pontet-Canet, Pauillac
Grand-Puy-Lacoste, Pauillac
Haut Bages Libéral, Pauillac
Duhart-Milon-Rothschild, Pauillac
Gruaud-Larose, St. Julien
Beychevelle, St. Julien
Margaux, Margaux

Pessac-Léognan rot
Haut-Bailly
Carmes Haut-Brion
Haut-Brion

Pomerol
Lafleur
Conseillante
Eglise Clinet
Vieux Château Certan

St. Emilion
Ausone
Chapelle d’Ausone
Cheval Blanc
Troplong-Mondot
Figeac
Beau-Séjour Bécot
Tertre Roteboeuf

Weissweine

Pessac-Léognan weiss
Smith-Haut-Lafitte
Domaine de Chevalier

Sauternes
Doisy-Daëne
De Fargues

Best Buys
Tronquoy, St. Estèphe
Phélan-Ségur, St. Estèphe
Moulin Riche, St. Julien
Poujeaux, Moulis
Domaine de l’A, Côtes de Castillon
Moncets, Lalande de Pomerol
Haut-Bailly II, Pessac-Léognan rouge
Lespault-Martillac, Pessac-Léognan rouge
Lespault-Martillac, Pessac-Léognan blanc
Larrivet Haut-Brion, Pessac-Léognan blanc
Doisy-Védrines, Sauternes