Dank tiefer Wurzeln in eine starke Zukunft
150 Jahre Martel sind ein guter Grund, zurück und besonders auch nach vorne zu schauen. Seit 2005 führt Jan Martel das Familienunternehmen in 5. Generation. Im Interview spricht er über das, was bleiben soll, über einen Weinmarkt und Konsumgewohnheiten im Wandel und darüber, weshalb persönliche Begegnungen, Qualität und Vertrauen in einer digitalen Welt noch wichtiger werden.
In Kürze
- 150 Jahre Erfahrung sind für Martel Fundament, nicht Ruhekissen
- Weniger Wein, dafür bewusster und besser – für uns eine Chance
- Persönliche Begegnung und digitale Möglichkeiten ergänzen sich
«Wir verändern uns – und bleiben uns dabei treu.»
Jan Martel, Martel wird 150 Jahre alt. Blickst du in diesem Jubiläumsjahr eher zurück oder nach vorne?
Beides gehört zusammen. 150 Jahre sind natürlich eine schöne Gelegenheit, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen. Mich beeindruckt, wie viele Veränderungen Martel in dieser Zeit erlebt und gemeistert hat. Gleichzeitig lebt ein Unternehmen nicht von seiner Vergangenheit. Entscheidend ist, was wir aus ihr mitnehmen und wie wir uns weiterentwickeln. Unsere Geschichte gibt uns Sicherheit und verpflichtet uns gleichzeitig, offen zu bleiben.
Was ist aus diesen 150 Jahren geblieben?
Der Qualitätsanspruch, die Nähe zu unseren Winzerinnen und Winzern und das Vertrauen unserer Kundinnen und Kunden. Wir verstehen uns nicht einfach als Verkäufer von Wein. Wir verbinden Winzer, Handwerk, Weine und Weinliebhaber und erzählen die Geschichten dahinter. Gute Beziehungen, Glaubwürdigkeit und persönliche Beratung waren vor 150 Jahren wichtig und sind es heute noch. Natürlich hat sich die Art verändert, wie wir das tun.
Die Weinwelt befindet sich derzeit stark im Wandel. Macht dir das Sorgen?
Es beschäftigt mich, aber ich sehe darin auch Chancen. Weltweit wird deutlich weniger Wein getrunken als früher. Besonders die einfachen, austauschbaren Weine verlieren stark an Bedeutung. Bei den hochwertigen Weinen dagegen bleibt die Nachfrage stabil. Unsere Erfahrung zeigt: Die Menschen kaufen gezielter ein. Weniger, aber besser. Das entspricht genau dem, wofür wir seit jeher stehen. Wein soll Freude machen und nicht Gewohnheit sein. Genuss statt Muss. Wir möchten Menschen für guten Wein begeistern und sehen diesen Wandel als Chance.
Ist «weniger, aber besser» also auch ein Zukunftsmodell für Martel?
Absolut. Qualität wird noch wichtiger. Bei den Weinen selbst, aber genauso bei Beratung, Service und Information. Wer heute eine Flasche Wein kauft, möchte oft mehr wissen. Woher kommt der Wein? Wer macht ihn? Wie wird gearbeitet? Was zeichnet den Jahrgang aus? Warum kostet der eine Wein 25 Franken und ein anderer 250? Hier haben wir als Fachhandel eine wichtige Aufgabe. Wir dürfen auswählen, erklären, einordnen und Sicherheit geben.
Gleichzeitig wächst eine Generation heran, die weniger Alkohol trinkt. Verliert Wein bei jungen Menschen an Bedeutung?
Das sehe ich differenzierter. Junge Menschen trinken im Durchschnitt sicher bewusster. Gleichzeitig erleben wir bei unseren Degustationen und Weinkursen viele junge Frauen und Männer, die ausgesprochen interessiert sind. Sie möchten verstehen, Unterschiede kennenlernen, Produzenten besuchen und Weinregionen entdecken. Übers Ganze gesehen bin ich optimistisch. Vielleicht wird weniger getrunken, aber Wein wird dadurch nicht automatisch weniger interessant. Im Gegenteil: Er kann bewusster erlebt und genossen werden.
Welche Rolle spielen alkoholfreie Alternativen dabei?
Sie gehören dazu. Wir betrachten hochwertige alkoholfreie Getränke nicht als Konkurrenz zum Wein, sondern als zusätzliche Kategorie des guten Geschmacks. Entscheidend bleibt für uns immer die Qualität. Ein Getränk muss gut sein und Freude machen, egal ob es Alkohol enthält oder nicht.
Du sprichst häufig von Martel als Vermittlerin von Weinkultur. Wird diese Rolle wichtiger?
Ja. Davon bin ich überzeugt. Gute Weine brauchen Vermittlung. Gerade weil das Angebot riesig ist. Unsere Aufgabe besteht darin, die besonderen Weine zu finden und zugänglich zu machen. Dazu gehören unsere Weinberaterinnen und Weinberater genauso wie Degustationen, Weinkurse, Produzentenbesuche, unsere Informationen auf der Website oder persönliche Gespräche.
Wein ist viel spannender, wenn man etwas über seine Herkunft, die Menschen und die Idee dahinter weiss – und sich mit Weinfans darüber austauschen kann.
Gleichzeitig wird der Handel immer digitaler. Wie sieht die Weinhandlung der Zukunft aus?
Persönlich und digital. Nicht entweder oder. Ein guter Webshop bietet Auswahl, Information und Komfort. Gleichzeitig bleibt die persönliche Begegnung enorm wichtig. Das sehen wir sehr deutlich an unseren Veranstaltungen. Menschen möchten zusammenkommen, riechen, probieren, diskutieren und geniessen. Gerade in einer zunehmend digitalen Welt wächst meines Erachtens die Sehnsucht nach echten, analogen Momenten. Darum entwickeln sich auch unsere Ladengeschäfte weiter, die sich zu Weinbegegnungsorten entwickeln. Digital kann vieles effizienter werden. Aber Begeisterung entsteht oft im direkten Austausch.
Also wird das Analoge gerade wegen der Digitalisierung wertvoller?
Ja, davon bin ich überzeugt. Wir verbringen unglaublich viel Zeit vor Bildschirmen, sind ständig erreichbar und haben dauernd das Gefühl, etwas zu verpassen. Ein gutes Glas Wein kann das Gegenteil sein: ein bewusster Moment mit allen Sinnen, ein Gespräch ohne Ablenkung, eine kleine Entschleunigung. Für mich liegt darin eine grosse Zukunftschance für Wein. Nicht als alltägliches Konsumprodukt, sondern als Teil eines besonderen Moments.
Was wird sich bei Martel in den nächsten Jahren verändern?
Sehr vieles, hoffentlich. Wir werden digitale Möglichkeiten weiterentwickeln, unser Wissen noch besser zugänglich machen und unsere Angebote laufend an neue Bedürfnisse anpassen. Nachhaltigkeit wird wichtiger, ebenso die Frage, welche Regionen und Weinstile in Zukunft gefragt sein werden. Auch klimatisch verändert sich die Weinwelt. Neue Gebiete entstehen, Höhenlagen gewinnen an Bedeutung, nördlich gelegene Regionen entwickeln sich weiter. Gleichzeitig rücken Weiss- und Schaumwein in den Fokus. Wir müssen genau hinschauen und neugierig bleiben. Und genau das macht uns riesig Spass.
Und was darf auf keinen Fall anders werden?
Unser Anspruch. Wir wollen unabhängig auswählen können und langfristige Beziehungen pflegen. Unseren Weinfans möchten wir zuhören, sie verstehen und uns um ihre Anliegen kümmern. Und wir möchten Weine anbieten, die Eindruck hinterlassen. 150 Jahre Geschichte sind schön. Noch schöner wäre es aber, wenn man einmal sagen kann: Martel hat sich immer wieder verändert und ist sich dabei treu geblieben.
Was ist deine persönliche Vorstellung von Martel in 25 oder 50 Jahren?
Ich hoffe, Martel ist dann noch immer eine unabhängige Weinhandlung mit starken Wurzeln und grosser Neugier. Ein Ort, an dem Menschen hervorragende Weine entdecken, etwas lernen und sich begegnen. Vielleicht kaufen wir Wein dann auf eine Art ein, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Ich hoffe dabei sehr, dass wir ihn weiterhin gemeinsam öffnen, riechen, probieren, darüber sprechen und geniessen. Denn eines wird sich vermutlich nicht ändern: Wein kann Menschen verbinden. Und schöne Momente noch etwas schöner machen.
