Martel Moments
Bewegte Martel-Zeiten: Perlen aus dem Firmenarchiv

Bewegte Martel-Zeiten: Perlen aus dem Firmenarchiv

August 2026 | Lesezeit 5 Min.

Wo Martel draufsteht, ist Martel drin. Seit fünf Generationen ist der Name der Familie eng mit dem Weinunternehmen verbunden. Das Firmenarchiv zeigt, wie frühere Generationen Krisen bewältigten, Chancen erkannten und Martel immer wieder neu erfanden.

In Kürze

  • 150 Jahre Geschichte mit Pointen, Tiefschlägen und Höhepunkten
  • Familien- und Firmengeschichte sind bei Martel eng miteinander verwoben
  • Martel bewies immer wieder Pioniergeist

Geschichte in Palettenboxen

Im Martel-Lager am Stadtrand von St.Gallen befindet sich ein ganz besonderer Schatz: das Firmenarchiv. In Palettenboxen, Dutzenden von Bundesordnern und alten Schachteln steckt die Geschichte des Unternehmens. Jahresabschlüsse, Geschäftsberichte, Weinlisten, Korrespondenzen, Presseartikel und Fotografien erzählen von 150 Jahren Weinhandel und einer Familiensaga über 5 Generationen. Denn: Wer die Dokumente durchblättert, entdeckt nicht nur Zahlen und geschäftliche Entscheide. Auch Hochzeiten, Geburten und andere Familienereignisse wurden früher in den Geschäftsberichten festgehalten. Jan Martel, der das Unternehmen seit über 20 Jahren in 5. Generation führt, steht vor den Aktenbergen und staunt: «Firma und Familie waren damals praktisch eins, alles Private war auch geschäftlich und umgekehrt. Heute sehen wir das differenzierter: der Zusammenhalt ist geblieben, aber jedes hat heute seinen eigenen Raum.»

Ein Neuanfang in St.Gallen

Die Geschichte führt zurück zu Margarethe und Ferdinand C. E. Martel-Falck. Jan Martels Ururgrosseltern starteten 1876 in St.Gallen mit einer Vertretung der Weingrosshandlung Falck aus Mainz. Damals grassierte in Europa die Reblaus. Das junge Paar erhoffte sich in der Schweiz bessere Perspektiven und legte damit den Grundstein für die Weinhandlung Martel. Ihr Sohn Paul Ferdinand Martel stieg bereits mit 17 Jahren ins Geschäft ein. Er war Unternehmer durch und durch und erkannte die Chancen der aufblühenden Berghotellerie. In Davos, Arosa und im Engadin entwickelte sich der Tourismus, und mit ihm wuchs die Nachfrage nach Wein. Die Weinhandlung profitiert nachhaltig von der Aufbauarbeit des Urgrossvaters. Martel ist bis heute stark präsent in der Bündner Qualitätsgastronomie wie auch im Berner Oberland.

Bei der Geburt des Sohnes auf Geschäftsreise

1940 übernahm Erich Martel, Jans Grossvater, die Geschäftsleitung in 3. Generation. Damals unterhielt Martel noch ein eigenes Einkaufsbüro in Bordeaux. Alte Fotografien und Flaschen aus jener Zeit zeugen von der langen Verbindung zum Bordelais. Eine besondere Episode stammt aus dem Jahr 1946. Martel importierte damals Rhein- und Moselweine aus der französischen Besatzungszone. 14’000 (!) Flaschen wurden von St.Gallen aus in die USA weiterverkauft. Dank eines familiären Eintrags im Firmenarchiv wissen wir zudem, dass Erich Martel gerade auf Geschäftsreise im besetzten Deutschland war, als in St. Gallen sein dritter Sohn Ludwig zur Welt kam.

Ein Anruf aus dem Burgund

Eben dieser Ludwig und sein älterer Bruder Wolfram Martel übernahmen gut 30 Jahre später die Geschäftsleitung in 4. Generation. Gemeinsam prägten sie das Unternehmen während Jahrzehnten. Sie bauten das Geschäft mit amerikanischen Weinen aus und landeten Ende der 1980er-Jahre einen besonderen Coup im Burgund. Wie es dazu kam, ist eine jener Geschichten, die man nicht erfinden kann. Ludwig Martel erinnert sich: «Zweimal wimmelte ich das Vorzimmer der Domaine de la Romanée-Conti ab, als man aus dem Burgund versuchte, uns zu erreichen.» Zum Glück kam es dennoch zu einer Einladung und einer grossen Degustation bei der Domaine de la Romanée-Conti. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte.

Pioniere der digitalen Welt

Ludwig und Wolfram Martel bewiesen auch bei technischen Neuerungen Pioniergeist. Zum Besipiel ermöglichte Martel als erstes Unternehmen in der Region St.Gallen die Bezahlung mit der EC-Karte. Damit wurden die umständlichen Eurocheques abgelöst. Bedenken wegen der neuen Technik trat Wolfram Martel in einem Leserbrief gelassen entgegen: «Man kann hinter allem und jedem Negatives finden, wenn man will.» 1995 folgte der nächste Schritt. Martel ging als europäische Pionierin mit einem Webshop online. Im Firmenarchiv findet sich darüber überraschend wenig. Denn mit dem Digitalen, begannen das von Hand Geschriebene, das Getippte und Gedruckte mehr und mehr aus dem Archiv zu verschwinden. Das zeigt: Je moderner Martel wird, desto weniger Spuren bleiben auf Papier zurück. Auch deshalb sind die alten Geschäftsberichte, Briefe, Postkarten und Fotografien heute besonders wertvoll: als Zeugnisse bewegter alter Martel-Zeiten –  für uns und für kommende Generationen.