«Burgund ist wie ein Virus – einmal infiziert, gibt es kein Zurück mehr.»

Martel und Burgund – das ist eine lange und schöne Geschichte. Unzählige Besuche und Erlebnisse verbinden Martel mit dieser einzigartigen Weinregion Frankreichs. Wir fühlen uns dem Burgund, seinen Menschen und der burgundischen Lebensart tief verbunden. Martel-Einkäufer Benjamin Wolf steht in engem Kontakt mit den burgundischen Winzerinnen und Winzern. Unser Geschäftsführer Jan Martel kennt die Weinregion seit Jahrzehnten. Zwei Burgunder-Fans im Gespräch:
Martel Tischgespräch
Ist Burgund einfach oder kompliziert?
Benjamin: Es ist kompliziert! (lacht) Auf der einen Seite ist Burgund tatsächlich sehr einfach. Die Qualitätsstufen sind nachvollziehbar und es gibt nur wenige Rebsorten: Chardonnay und Aligoté bei den Weissweinen, Pinot Noir und Gamay bei den Rotweinen. Je weiter man ins Burgund vordringt, desto komplexer wird es. Die verschiedenen Terroirs machen den Reiz aus.
Jan: Für mich ist Burgund einfach grossartig. Geografisch ist das Gebiet ja recht überschaubar. Der Teufel steckt im Detail. Die kleinen Veränderungen von Dorf zu Dorf und von Parzelle zu Parzelle sorgen für den Unterschied. Dazu kommt der individuelle Stil der einzelnen Winzerinnen und Winzer. All das macht auch den Zauber des Burgunds aus. Die Weinregion ist so vielfältig! Deshalb ist es auch schwierig, von einem «burgundischen Stil» zu sprechen.
Benjamin, was macht für dich den Zauber des Burgunds aus?
Benjamin: Der wichtigste Grund liegt sicher in der hohen Qualität der Weine. Man versucht ständig, das Geheimnis einzufangen, aber das gelingt nie ganz. Das macht die Faszination dieser Weine aus. Die Weinberge sind unmittelbar spürbar. Manchmal sind es nur wenige Meter im Rebberg, die alles verändern. Es ist ein Erlebnis.
Wann und wie seid ihr mit dem Burgund in Berührung gekommen?
Jan: Nachdem ich zunächst kräftige Weine aus aller Welt bevorzugt hatte, entdeckte ich durch einen längeren Aufenthalt in Vosne-Romanée das Burgund für mich. Diese Begegnung war prägend: Ich hatte das Glück, in einem Spitzenweingut sowohl im Weinberg als auch im Keller arbeiten zu können. Dabei lernte ich die einzigartigen Qualitäten dieser Weine kennen: Eleganz, Klasse, strahlende Weine. Seitdem hat mich der Burgunder-Virus nicht mehr losgelassen. Zum Leidwesen meines Portemonnaies, aber zum Glück meines Herzens und meiner Seele.
Benjamin: Da ich in der Toskana aufgewachsen bin, hatte ich in meinen Weintrinker-Anfängen wenig Bezug zu Frankreich und Burgund. Erst als Sommelier in England tastete ich mich langsam an die Welt des Burgunds heran. Zuerst mit Gamay-Weinen aus dem Beaujolais, später kam ich mit den grossen Chardonnays und Pinots in Berührung – und war hin und weg. In meiner Ausbildung zum Master Sommelier war Burgund dann natürlich ein wichtiges Thema.
Viele Weinliebhaber denken bei Burgund an Pinot Noir und Chardonnay der Spitzenklasse – mit entsprechend hohen Preisen. Stimmt das?
Benjamin: Die Preise im Burgund sind im Vergleich zu anderen Weinregionen tatsächlich hoch bis sehr hoch. Aber man muss auch sagen: Nicht jeder gute Burgunder ist teuer. Wir haben einige Beispiele im Sortiment, die das beweisen.
Jan: Glück und Enttäuschung liegen im Burgund oft nah beieinander. Kaum eine andere Weinregion vereint so viele Extreme – von enttäuschenden Erlebnissen bis hin zu Weinen, die himmlisch anmuten. Hier trifft ein begrenztes Angebot auf höchste Qualität und enorme Erwartungen. Gleichzeitig sorgen grosse Schwankungen zwischen Lagen, Jahrgängen und Winzern für eine zusätzliche Herausforderung. Um Enttäuschungen zu vermeiden und das Beste aus dieser faszinierenden Region herauszuholen, ist eine fachkundige Beratung fast unerlässlich – damit nicht zu viel Geld für zu wenig Wein ausgegeben wird.
Wie findet man im Burgund Weine mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis?
Benjamin: In weniger bekannten Weindörfern stehen die Chancen gut, echte Entdeckungen zu machen.
Jan: Um solche Weine im Burgund zu finden, braucht man Geduld, Wissen und ein bisschen Abenteuerlust. Ergänzend zu Benjamins Tipp lohnt es sich, einen Blick auf die «Basisweine» der renommierten Winzerinnen und Winzer zu werfen. Diese sind meist erschwinglich, tragen die Handschrift eines Könners und machen auch in jungen Jahren viel Freude.
Was sind die Gründe für die hohen Preise?
Jan: Als ich ins Weingeschäft eingestiegen bin, haben wir bei Martel bereits mit Weinen der Domaine de la Romanée-Conti gehandelt und diese an Degustationen gratis zum Probieren angeboten. Das war eine ganz andere Zeit. Inzwischen sind die Preise stark gestiegen, denn die Nachfrage nach Spitzenweinen aus dem Burgund wächst stetig, während das Angebot wegen der kleinen Parzellen und der begrenzten Erträge sehr knapp bleibt. Hinzu kommen die hohen Ansprüche an Qualität und Exklusivität, der Kultstatus renommierter Weingüter sowie klimatische und jahrgangsbedingte Schwankungen, die das Angebot zusätzlich einschränken.

Benjamin: Neben Angebot und Nachfrage ist sicherlich der Bodenpreis ein wichtiger Faktor für die Verteuerung der Weine. Rebflächen in guten und besten Lagen sind heute kaum mehr bezahlbar. Kleine Betriebe können nicht mehr wachsen.
Jan: Wichtige Gründe dafür: Das Erbrecht in Frankreich – das noch auf Napoleon zurückgeht – sieht vor, dass das Vermögen der Eltern gleichmässig unter den Kindern aufgeteilt wird. Das führt zu einer Zersplitterung der Güter oder dazu, dass sich familieninterne Nachfolger unter Umständen extrem verschulden müssen, um ihre Geschwister auszuzahlen. Hinzu kommt, dass die Erbschaftssteuer in Frankreich mit fast 50 % enorm hoch und für die Familien kaum tragbar ist.
Was macht das mit den Familienbetrieben?
Jan: Oftmals ist der Verkauf an einen Luxusgüterkonzern oder ausländische Investoren die einzige Lösung. Frankreich veräussert so seine über Jahrhunderte aufgebaute Kultur. Jammerschade.
Steigen die Preise weiter im Burgund?
Benjamin: Eine Glaskugel habe ich leider nicht. Kurzfristig wird es wohl keine grosse Entspannung geben. Allerdings hatte ich bei meinem letzten Besuch im Burgund den Eindruck, dass sich die Preise immerhin stabilisieren – zumindest im Moment.
Jan: Die Preise im Burgund werden für Spitzenweine wahrscheinlich hoch bleiben. Das liegt an der weltweit hohen Nachfrage bei gleichzeitig begrenztem Angebot und extrem kleinen Produktionsmengen – oft gibt es von einem Wein nur wenige tausend Flaschen pro Jahr. Wenn überhaupt. Damit ist das Burgund im Vergleich zu anderen Regionen einzigartig. Klimatische Herausforderungen wie Frost oder Hagel und die wachsende Zahl von Sammlern und Investoren verstärken diesen Trend. Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.
Einmal Burgund, immer Burgund: Trifft das auf euch zu?
Jan: Auf jeden Fall! Burgund ist wie ein Virus – einmal infiziert, gibt es kein Zurück mehr. Die Eleganz und der Ausdruck dieser Weine lassen einen nicht mehr los. Und selbst wenn man mal etwas anderes probiert, landet man früher oder später wieder im Burgund. Das ist einfach eine lebenslange Leidenschaft.
Benjamin: Irgendwann kommt jeder Weintrinker zum Burgund. In jungen Jahren vielleicht noch nicht, weil die Stilistik nicht gefällt oder das nötige Kleingeld fehlt. Später aber kann sich kaum jemand der Faszination entziehen. Burgunder gehören eindeutig zu den emotionalsten Weinen der Welt. Je mehr ich mich mit Wein beschäftigte, desto enger wurde die Verbindung zum Burgund.
Was fasziniert dich ausser des Weines am Burgund?
Benjamin: Das Leben in der Region und die bäuerliche Mentalität der Menschen. Der Reiz der Landschaft zu den verschiedenen Jahreszeiten. Bei meinem letzten Besuch waren die Weinberge tief verschneit. Berührend. Ich mag auch die ehrliche Küche. Etwas rustikal, aber sehr schmackhaft.
Jan: Das Engagement der Climats du vignoble de Bourgogne fasziniert mich sehr. Dadurch wurden die ummauerten Weinbergsparzellen von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Als Grands Mécènes Fondateurs unterstützen wir die Initiative zum Erhalt dieses Erbes seit vielen Jahren. Und natürlich ist das Essen in Burgund ein Highlight: Ein Besuch der Region ohne «jambon persillé» und «oeufs en meurette» ist wie eine Reise nach Paris, ohne den Eiffelturm zu sehen.
Was wünscht ihr euch für das Burgund?
Benjamin: Ich wünsche mir, dass diese einzigartige Region so bleibt, wie sie ist. Burgunder zu trinken ist ein echtes Privileg und für mich der Inbegriff von Weinkultur.
Jan: Das Burgund soll seine Tradition bewahren und gleichzeitig nachhaltige Innovationen fördern, um die einzigartigen Lagen zu schützen. Das wünsche ich mir – auch für die kommenden Generationen.